Der Weltfußballverband FIFA hat nach der Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA eine umfassende taktische Analyse des Turniers veröffentlicht. Rund zweieinhalb Monate nach dem Finale legten die Taktikexperten des Verbands einen detaillierten Report vor, der zentrale Entwicklungen und Erfolgsmuster der 48 teilnehmenden Mannschaften beleuchtet. Im Zentrum der Auswertung steht das sogenannte Gegenpressing, das von den Analysten als einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren des Turniers identifiziert wurde.
Untersucht wurden sämtliche 104 Partien der Weltmeisterschaft, wobei die Experten sowohl das Verhalten der Teams im Ballbesitz als auch ohne Ball analysierten. Zusätzlich flossen verschiedene Aufstellungsvarianten, das Spiel der Torhüter sowie neuere Entwicklungen beim Spielaufbau in die Auswertung ein. Die Ergebnisse wurden auf mehr als 500 interaktiven Seiten mit Grafiken und Videosequenzen online zugänglich gemacht.
Gegenpressing als Erfolgsrezept der Topteams
Laut dem FIFA-Report setzten zahlreiche Spitzenmannschaften gezielt auf aggressives Gegenpressing, um nach Ballverlusten möglichst schnell wieder in den Ballbesitz zu gelangen. Besonders deutlich zeigte sich dieser Ansatz beim neuen Weltmeister Spanien, dessen Spielweise maßgeblich auf diesem Prinzip beruhte. Die Analysten betonten jedoch, dass Gegenpressing nicht die einzige Erfolgsformel des Turniers war. Als Gegenbeispiel nannte der Bericht das Überraschungsteam von Kap Verde, das als klarer Außenseiter ins Turnier gestartet war und stattdessen auf eine kompakte, defensiv ausgerichtete Abwehrorganisation setzte.
Dreierabwehr weit verbreitet, aber ohne durchschlagenden Erfolg
Ein weiterer zentraler Befund der Untersuchung betrifft die Abwehrformationen der teilnehmenden Teams. Die Mehrheit der Mannschaften entschied sich im Turnierverlauf für eine Dreierabwehr. Sportlich zahlte sich dieses System jedoch kaum aus: Von acht Mannschaften, die durchgehend mit einer Dreierkette antraten, darunter auch Deutschland, schaffte es keine einzige in das Viertelfinale. Im Gegensatz dazu verließ sich Weltmeister Spanien auf die klassische Viererabwehr und bestätigte diesen Ansatz letztlich mit dem Titelgewinn.
Torhüter zunehmend Teil des Spielaufbaus
Neben den grundsätzlichen taktischen Systemen widmete sich der Report auch kleineren, aber bedeutsamen Details wie der Ausführung des Torabschlags. Immer häufiger entschieden sich Mannschaften für kurze Abschläge statt langer Abschläge in die gegnerische Hälfte. Bei dieser Weltmeisterschaft wurde diese Variante in 58 Prozent der Fälle gewählt. Zum Vergleich: Bei der WM 2018 in Russland lag dieser Anteil noch bei lediglich 32 Prozent.
Auffällig ist zudem, dass sich die Rolle der Torhüter beim Abschlag verändert hat. Während 2018 nahezu durchgehend die Torhüter selbst den Abschlag ausführten, war dies bei der aktuellen Weltmeisterschaft nur noch in gut der Hälfte der Fälle der Fall. Die Analysten führen diese Entwicklung darauf zurück, dass Torhüter mittlerweile wesentlich stärker in den Spielaufbau der Mannschaften eingebunden werden und seltener auf lange, direkte Abschläge setzen.
Taktische Vielfalt als Merkmal des Turniers
Insgesamt zeichnet der FIFA-Report ein Bild eines taktisch vielschichtigen Turniers, bei dem unterschiedliche Spielphilosophien aufeinandertrafen. Während etablierte Fußballnationen wie Spanien auf intensives Gegenpressing und eine klassische Viererabwehr setzten, bewiesen Außenseiter wie Kap Verde, dass auch defensiv orientierte, kompakte Spielweisen zu überraschenden Erfolgen führen können. Die Entwicklung beim Torabschlag unterstreicht zudem einen längerfristigen Trend im modernen Fußball, wonach Torhüter zunehmend als aktive Mitgestalter des Spielaufbaus agieren statt sich auf traditionelle Abwehraufgaben zu beschränken. Die umfangreiche Datensammlung des Weltverbands dürfte in den kommenden Monaten und Jahren weiterhin als Grundlage für taktische Diskussionen und Trainerausbildungen im internationalen Fußball dienen.

















